Den Horizont erweitern
Aspekte des Sehens in der kindlichen Entwicklung am Beispiel eines Kindes mit Mehrfachbehinderung.
Wir werden alle mit geringem Sehvermögen geboren. Das Sehvermögen bessert sich sehr rasch während der ersten Lebenswochen, wenn Retina, Sehbahn und die Sehhirnrinde ihre Vernetzung entwickeln, wenn die Rezeptoren für das Sehen benutzt werden.
Der Sehsinn ist ein Sinn, auf den wir uns täglich verlassen. Er bringt uns im Umgang mit unserer Umwelt und unseren Erfahrungen viele Vorteile z.B. Gefahren rechtzeitig erkennen und entsprechend begegnen können.
Zu der biologischen und motorischen Entwicklung des Sehens gehören viele Entwicklungsvorgänge, Erfahrungen, die, wenn sie ideal verlaufen die visuelle Wahrnehmung bilden.
Eine gute Entwicklung von Sehen und visueller Wahrnehmung bilden eine Voraussetzung für die Fähigkeiten des Lernens.
Den Horizont/ den Gesichtskreis zu erweitern, erweitert gleichzeitig unsere Gedankenwelt und Lebensqualität. Unser Horizont erweitert sich Schritt für Schritt, wenn wir es wagen ein Stück der alten vertrauten Sicherheit aufzugeben, Neugierde zu befriedigen, Neues zu wagen.
Am Beispiel eines Kindes mit Mehrfachbehinderung möchte ich die enge Verbindung von motorischer und visueller Entwicklung im Konzept von Dr. Castillo Morales beispielhaft vorstellen.
Gabriel lernte ich im April 1998 kennen. Er war gerade 1 Jahr.
Ein Kind mit Mehrfachbehinderung, das sich kaum motorisch entwickeln wollte, schlecht aß und mit der Kommunikation größte Schwierigkeiten hatte, da er in seinen Verhaltensäußerungen kaum verstanden wurde. Die Grunderkrankung von Gabriel ist bis heute unklar.
Das Konzept von Dr. Castillo Morales beinhaltet die Förderung der sensorischen und motorischen Fähigkeiten als neuromotorische Entwicklungstherapie mit einem orofazialen Behandlungsschwerpunkt.
Ziel der Therapie mit Gabriel ist
- Die Erweiterung der nonverbalen Kommunikationsmöglichkeiten
- Die Wahrnehmungsentwicklung, besonders des Sehens
- Die Verbesserung der aktiven Aufrichtung und Bewegung
- Förderung der Eigeninitiative und Selbständigkeit
- Unterstützung der elterlichen Kompetenz
- Aktivieren und regulieren der orofazialen Funktionen
- Vermeidung von sekundären Pathologien
Viele Ziele, die aber einen engen Zusammenhang haben, gemeinsam die Habilitation (Rehabilitation) vorantreiben.
Mut, Zuversicht und das in die Fähigkeiten von Gabriel gesetzte Vertrauen sind Voraussetzungen im Prozess seiner Entwicklungsmöglichkeiten und Basis für jeden zwischenmenschliche Kontakt.
Das Ziel, die visuelle Wahrnehmungsentwicklung zu erweitern, wurde durch eine Augenoperation, die funktionell die Voraussetzung für ein stabiles beidäugiges Sehen brachte, erst möglich (starker Strabismus mit Nystagmus).
Mit dem Gebrauch des nun korrigierten Sehens konnte die aktive Aufrichtung , durch die nun geweckte Neugierde , gefördert werden. Die Haltungsentwicklung und -stabilität wurde über das Modellieren seines Körpers vorbereitet und die Stimulationszonen angeregt, um den Prozess der Vertikalisation zu unterstützen. Das Bewusst machen der Füße, regt die distalen Impulse zur weiteren Aufrichtung an. Unterstützt wird dieser Prozess mit Hilfe der Behandlungstechniken Berührung, Druck Zug und Vibration.
Das Sehen ist eng mit Bewegung verbunden, so kann sich die visuelle Wahrnehmung und -verarbeitung in den Entwicklungsetappen erweitern. Gabriel erreicht die Mobilität mit dem Rollstuhl, den er selbst bedient. Den wahrgenommenen Raum erweitert er Schritt für Schritt wie jedes Kind durch Sehen, Hören, Hinbewegen (-fahren), Anfassen, Probieren, sich erinnern, merken, was er erlebt und erfahren hat, dabei kann er das Symbolverständnis aufbauen und mit Beharrlichkeit seine Neugierde befriedigen.
Zutrauen in seine Handlungsfähigkeiten, die Therapie als Begleitung hat das eigenverantwortliche Handeln von Gabriel unterstützt. Die visuelle Wahrnehmung wird erweitert durch die möglich gewordenen Mobilität, gleichzeitig werden Kommunikation, Kognition, Emotion und das soziale Verhalten ständig positiv verändert.
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